Berlins Industrieviertel – der Beusselkiez in Berlin-Moabit

Mit der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts änderte Moabit auch sein Stadtbild. Vom Vergnügungsviertel zum Arbeiterbezirk.

Einst hatte Moabit ein gutes Image. Insbesondere die Gegend rund um die Beusselstraße war ein beliebtes Ausflugsziel und das Vergnügungsviertel von Moabit. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich das Stadtbild dramatisch. Durch den Bau zahlreicher Industrieanlagen und Mietshäuser hatte die Adresse um die Beusselstraße schnell den Ruf als Arbeiterviertel mit den schlechtesten Quartieren Berlins weg. Es entstanden im Laufe der Zeit immer mehr Fabriken und Wohnhäuser, sodass 1880 der eigentliche Kiez entstand. Das Fabrikproletariat arbeitete zum größten Teil in den nahegelegenen Metallbetrieben und der Loewe-Fabrik. Die durchschnittliche Jahresmiete in den viel zu engen und durch Licht- und Luftmangel ungesunden Wohnungen lag bei 200 Mark. Dieses ist einer der Gründe, warum die Arbeiter das solidarische Handeln als selbstverständliche Verhaltensnorm erachtete. Dieses Handeln wurde vom preußischen Obrigkeitsstaat noch geschürt, weil den Arbeitern durch das Dreiklassenwahlrecht die politische Gleichberechtigung versagt wurde. 1910 wurde der Beusselkiez zum typischen Berliner Arbeiterquartier deren Bewohner zu Aufständen und Streikaktionen bereit waren. Versammlungen wurden in den Lokalen im Bereich des Beusselkiezes abgehalten wie zum Beispiel in der Kronenbrauerei (Alt-Moabit 47-49), dem Moabiter Gesellschaftshaus (Wiclefstraße 24) oder in den Moabiter Bürgersälen (Beusselstraße 9).

Unruhen und blutige Kämpfe im Beusselkiez Moabit

Anfang 1910 brodelte es gewaltig im Beusselkiez. Der Kampf gegen das preußische Dreiklassenwahlrecht, die steigenden Miets- und Lebensmittelpreise machten die Arbeiter unzufrieden und wütend. Dagegen stagnierten die Löhne, die gerade mal zum Leben reichten. Teuerung und Unterdrückung führten schließlich am 27. September 1910 im Beusselkiez zu Unruhen und erbitterten Kämpfen zwischen den Staatsorganen und 141 demonstrierenden Arbeitern vor dem Kohlenhandel Kupfer. Die harte Haltung der Unternehmensleitung und der Einsatz von Streikbrechern verstärkten noch die Empörung der streikenden Arbeiter. In der Rostocker Straße entwickelte sich schließlich eine regelrechte Straßenschlacht. Hundert Schutzleute gingen mit blanken Waffen gegen die auf mittlerweile auf 3000 Personen angewachsenen Demonstrierenden vor. Im Laufe der nächsten Tage weiteten sich die Kämpfe weiter aus und die Arbeiter der Loewe-Fabrik lieferten sich in der Sickingenstraße ein Gefecht, der sich erst am Abend allmählich beruhigte. Aber schon zwei Stunden später sammelten sich Arbeiter an der Ecke Sickingenstraße/Beusselstraße und bewarfen die Polizisten mit Steinen, vereinzelt fielen sogar Schüsse. Im gesamten Beusselkiez kam es nun zu massiven Ausstreitungen zwischen Arbeitern und Schutzleuten. Die Krawalle gingen bis zum 30. September 1910. Erst durch ein massives Aufgebot von Polizei und Schutzleuten, die Hausdurchsuchungen durchführten, um Waffen sicherzustellen und Kriminalbeamte, die Verdächtige zum Verhör mitnahmen beendeten die Krawalle im Beusselkiez. Schließlich wurden 42 Personen dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Die Bilanz der Krawalle: 218 Verletzte, darunter 4 Offiziere und 60 Schutzleute sowie 42 Personen in Gewahrsam. Die Kämpfe waren nun endgültig beendet und so allmählich verblassten die Geschehnisse. Aber als roter Arbeiterbezirk behielt der Beusselkiez weiterhin seine Bedeutung. Immer wieder bildeten sich Gruppen, die den politischen Kampf gegen die Regierung aufnahmen.

Der Beusselkiez in Moabit nach dem 1. Weltkrieg

Die Wohnsituation im Beusselkiez verbesserte sich erst nach dem 1. Weltkrieg. Die Personenanzahl pro Haushalt verringerte sich und es gab nun endlich eine Mietpreisbindung. Die Dach- und Souterrainwohnungen, die am schlimmsten waren, wurden kurzerhand von der Baupolizei gesperrt. 1938 hatte der Beusselkiez seine höchste Bebauungsdichte, wobei 52 Prozent aller Wohnungen Hinterhofwohnungen waren.

In den Anfangsmonaten des Dritten Reiches kam es im Beusselkiez zu verschiedenen politischen Aktionen und Demonstrationen gegen die Nationalsozialisten. Die Folge waren eine Reihe Verhaftungen kommunistischer Arbeiter und Demonstrationsverbot. Zuletzt arbeiteten nur noch einzelne Persönlichkeiten wie zum Beispiel die Sozialdemokratin Ottilie Pohl allein gegen das Gewaltregime. Ottilie Pohl wohnte in der Beusselstraße 43 und half dort den Verfolgten, indem sie ihnen Geld und Unterkunft anbot. Schließlich wurde die Sozialdemokratin 1940 verhaftet und nach Theresienstadt deportiert. Dort wurde sie ein Jahr später ermordet.

Der Beusselkiez in Moabit nach dem 2. Weltkrieg

1945 verzeichnete der Beusselkiez aufgrund seiner Industriedichte insbesondere den Munitionsfabriken viele Kriegsschäden. Unter anderem wurde auch die Schule in der Rostocker Straße komplett zerstört. An ihrer Stelle wurde in den 50er Jahren ein zweigeschossiges Gebäude errichtet, in dem eine Kindertagesstätte und die Bezirksbüchereizweigstelle untergebracht wurde. Die restlichen Bombenlücken wurden im Laufe der Jahre langsam wieder nutzbar gemacht: So wurden Neubauten errichtet und neue Spielplätze auf ihnen eingerichtet.

Trotz massiven Stellenabbaus in den Fabriken und Betrieben war der Beusselkiez 1980 immer noch ein Arbeiterkiez, der als Wohnstandort vernachlässigt wurde. 1988 wurde ein Gutachten erstellt und seit dem gezielt öffentliche Mittel für die Instandsetzung und Modernisierung in den Beusselkiez gelenkt.

1992 wurde ein Teil des Beusselkiezes als Sanierungsgebiet ausgewiesen und ein weiteres Gebiet steht unter einer Erhaltungsverordnung des Bezirksamtes Tiergarten. Seit 1999 wird das Quartiersmanagement im Gebiet Moabit-West eingesetzt.

Georg Beussel und der Beusselkiez in Moabit

Der Beusselkiez erhielt seinen Namen durch den Gutsbesitzer und Kommunalpolitiker Georg Peter Christian Beussel. Georg Beussel wurde am 10.02.1774 in Gatow geboren. Ihm gehörten die Ländereien auf Martinicke dem heutigen West-Moabit. Weiterhin befand sich das damals namenlose Gelände zu beiden Seiten der heutigen Beusselstraße in seinem Besitz. Von 1830 bis zu seinem Tod wohnte Georg Beussel auf sein Gehöft direkt an der Spree Alt-Moabit 1, heute Alt-Moabit 59/65 gegenüber der Beusselstraßen-Mündung. Dort verstarb auch Georg Beussel am 22.08.1864. Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof der St.-Johannis-Gemeinde Alt-Moabit 24-25.

Zum Beusselkiez gehören das Mietskasernengebiet im Ortsteil Moabit (Stadtbezirk Tiergarten), westlich der Beusselstraße, begrenzt durch die Kaiserin-Augusta-Allee im Süden, die Reuchlinstraße/Berlichingenstraße im Westen sowie das S-Bahn-Gelände (Sickingenstraße) im Norden und die Beusselstraße im Osten. Wobei anzumerken ist, dass der südliche Teil des Beusselkiezes bis 1938 zu Charlottenburg gehörte.

Quelle: Geschichtslandschaft Berlin Tiergarten, Teil 2 Moabit, ISBN 3-87584-221-9

Bettina Eichhorst, Bettina Eichhorst

Bettina Eichhorst - Ich wurde 1962 in Berlin im Sternzeichen des Wassermanns geboren. Als gelernte Bürokauffrau bewegte ich mich mehr als 28 Jahren in ...

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